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SCHLAGFERTIGKEIT

Frechheit siegt

Richtig kontern kann man lernen – bei einem „Schlagfertigkeitscoach“. Ein Trainingsbericht

Von Burkhard Strassmann

Die schmächtige, etwas unscheinbare Dame neben mir nickt heftig und notiert. Und auch in mir sagt eine Stimme mit Nachdruck: „Jajaja! Genau. So isset!“ Herr Pöhm weiß, wie er seine Pappenheimer da abholt, wo sie sind: in der Opferrolle, wo sonst.

Nehmen wir den lieben Kollegen, wie er so fies von der Seite kommt: „Sie sind aber ganz schön moppelig geworden im Urlaub!“ Unsereiner: „Ja, ähem, klar, das gute Essen da unten, das Bier, die Veranlagung…“ – „Wenn Sie sich hier verteidigen, können Sie nur verlieren!“, donnert Pöhm. „Sie erklären viel zu viel, Sie rechtfertigen, wo nichts zu rechtfertigen ist!“ Nicken, Seufzen, ach ja!

All die kleinen Attacken, die uns treffen, die Peinliches berühren, was dann leider auch noch wahr ist. Sie haben ja nicht mal einen Hochschulabschluss! Besitzen Sie keine Krawatte? Haare gefärbt? Hier gibt es nur einen und genau einen Konter: „Stimmt! Genau! Sie haben es erfasst! Wo ist Ihr Problem, Kollege?“ Wird gegiftet: „Sie haben aber ein hohes Gehalt!“ – dann sagt man einfach: „Ja!“ Da ist man doch stolz! Oder die lieben Lehrer: Wie sie rudern und stottern und argumentieren, erwischt sie der Standardvorwurf, den vielen Urlaub betreffend. Was sagt der Lehrer, wenn sein Lehrer Herr Pöhm heißt? „Aber ja, natürlich!“ – „Denken Sie an Klaus Wowereits berühmten Konter: ‚Ja, ich bin schwul, und das ist gut so.‘“

So was müsste man können! „Nie wieder sprachlos“ sein. Welch ein Versprechen von „Deutschlands Schlagfertigkeitscoach Nr. 1“ (Selbsteinschätzung). Das Konferenzzimmerchen im Frankfurter Hotel ist mit neunzehn Teilnehmern gut voll. Drei Frauen sind darunter. Alle mittleres Management, Verkauf, Krankenkasse, Automobilbau, Flughafen. Bis auf einen rundlichen Sunnyboy, der quatscht wie ein Wasserfall oder wie ein Pressesprecher (was will der eigentlich hier?), sind wir hier fast alle vom Typus Magengeschwür-weil-zu-viel-runtergeschluckt. Besonders der zu meiner Rechten. Einer, der im Stahlbau Sanierer ist, ganz harter Job, täglich Prügel, von oben und von unten. Was Attacken sind, braucht dem Mann niemand zu erzählen. Uns eint die strukturelle Unfähigkeit, eine Attacke zu parieren. Busfahrer, Verkäuferinnen, Staatsbedienstete, Kollegen, Chefs: Alle pampen uns an, und wir stottern zurück oder schweigen eingeschüchtert. Manchmal – und das ist das Schlimmste – fällt uns eine halbe Stunde später die knallharte, ironische oder elegante Antwort ein. Nur nie, NIE!, wenn sie gebraucht wird. Der Angreifer dagegen haut seine Aggression raus. Und wir kauen einen Tag lang Schaum.

Und dann verspricht dieser Pöhm, dass man das lernen könnte: Schlagfertigkeit. Er selbst musste das wohl nicht lernen. Matthias Pöhm war das jüngste von neun Kindern, eine ganz harte Schule. Auffallen machte ihm schon seit jeher Spaß. Der gelernte Softwareingenieur entdeckte in einem Rhetorikkurs sein Ding und sattelte um. Seit 1997 ist er Trainer für Schlagfertigkeit, Rhetorik und Fernsehauftritte. Sein Buch Nicht auf den Mund gefallen. So werden Sie schlagfertig und erfolgreicher (mvg Verlag, 19,90 Euro)verkaufte sich 100000-mal. Heute kann er 430 Euro plus Mehrwertsteuer pro Nase für den Schlagfertigkeitstag verlangen. „Sie sind aber sehr teuer, Herr Pöhm!“ – „Stimmt!“

Alle müssen aufstehen („Immer aufstehen, das bringt eine ganz andere Ausstrahlung!“). Gerade stehen. Dem Gegner fest in die Augen blicken. Laut reden. Überhaupt reden. Lieber irgendwas sagen als schweigen! Und keine Angst vor Ärger haben! Der bleibt nämlich nicht aus. Schlagfertigkeit ist Frechheit. Sie hat mit Schlagen zu tun, und Schlagen tut weh. Dann sagt Pöhm etwas Bedrückendes: „Schlagfertigkeit ist nicht in erster Linie eine Technik, sondern eine Geisteshaltung.“ Schade, doch wir hatten es geahnt. Die einen haben’s, wir nicht. Oder?

„Was wir hier lernen, ist Selbstbewusstsein!“ Der Schlagfertige riskiert eine Menge: die Peinlichkeit, danebenzuhauen, aufzufallen, sich zu blamieren; vielleicht ist der Gegner schlagfertiger oder kennt die Tricks. Nur der Selbstbewusste schert sich nicht um solche Bedenken.

Erst mal zustimmen

Selbstbewusstes Auftreten kann man üben, üben, üben. Und natürlich ist Schlagfertigkeit auch eine Technik; Pöhm analysiert genauestens die Schliche von Schlagfertigkeitsikonen wie Harald Schmidt und Thomas Gottschalk, Kanzler Schröder und Innenminister Schily, Gregor Gysi und Bill Clinton. Nicht dass man die erreichen würde. Doch wenn er das Rezept des Meisterkochs kennt, bringt auch der Laie ein passables Menü zustande. Die „volle Zustimmung“ also – unser erstes Kapitel und eine prima Sache, wenn ohnehin nichts wegzudiskutieren ist. Klappt bei einem Drittel aller Angriffe. Voraussetzung: Der Angriff ist ohne Wertung. Auf „dumme Sau!“ sagt man nicht: „Stimmt, Kollege!“ Auf „Sie sind aber kurz geraten“ dafür umso effektvoller: „Das haben Sie gut beobachtet!“ Werden die Attacken härter und gemeiner, darf man gern noch nachlegen. „Sie haben ja nicht mal Abitur!“ – „Stimmt. Daran werden Sie sich gewöhnen müssen.“ Pöhm nennt das „Triggersätze“: Passen meistens und sind leicht auswendig zu lernen. Das sehen Sie richtig / das haben Sie gut beobachtet / daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Und nun müssen wir uns dem Tischnachbarn zuwenden. Uns anschimpfen. Unsicherheit, Kichern. Der Sanierer neben mir überlegt nur kurz und blafft mich dann mit einem Satz aus seiner beruflichen Praxis an: „Ihr Projektvorschlag ist unausgewogen!“ Ich: „Stimmt, daran werden Sie sich gewöhnen müssen!“ Heimlich bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich in der Redaktionskonferenz mit dieser Antwort schon aus dem Schneider wäre.

Die Stimmung steigt. Macht Spaß, wildfremden Leuten Frechheiten an den Kopf zu werfen oder ihre Anwürfe mit Standardsätzen zu kontern. Der Atmosphäre kommt zugute, dass Matthias Pöhm zwar ein Schnelldenker und Schnellsprecher vor dem Herrn ist, aber nicht dieser Typ Ich-bin-Spitze-ich-bin-toll. Er ist spindeldürr und leidet darunter. Sein Magen ist übersäuert, und er trinkt drei Liter Wasser am Tag. Irgendwie einer von uns. Jetzt nimmt er die Attacken dran, die man besser nicht mit „Stimmt!“ kontert. Vorwürfe wie: „Sie sind geschmacklos!“ (ersatzweise: karrieresüchtig, nicht teamfähig, konfliktscheu, dumm). Hier liegt die elegante Technik der suggestiven Umdeutung nahe. „Sie haben das Taktgefühl einer Dampfwalze!“ – „Wenn Sie damit sagen wollen, dass ich die Dinge gern beim Namen nenne, dann stimme ich Ihnen zu.“ Hui, das nimmt dem Piesepampel den Wind aus den Segeln! Merken! Wesentlich softer, aber im Einzelfall sicher dienlich ist die Methode der leicht schleimigen Rückfrage. Etwa auf den Anraunzer, man sei nicht teamfähig: „Wie definieren Sie Teamfähigkeit?“ Oder, noch schlimmer, zum Beipiel als Antwort auf den Vorwurf, falsche Zahlen zu präsentieren: „Wie stellen Sie es an, dass Ihre Zahlen immer stimmen?“ Suggestives Loben, geheucheltes Interesse – igitt, nichts für mich. Aber ich bin auch kein Autoverkäufer oder Versicherungsagent.

Mittagspause. Brezeln und Kaffee. Leise Gespräche in Grüppchen. Kein Zweifel, die Leute sind nicht aus Spaß hier. Es geht um Figurprobleme und Magenübersäuerung und um die „Hierarchen“. Wie die sich wundern werden! Manche schickte der Chef; die Krankenkassendame ersetzt ihren Boss, der sich ursprünglich angemeldet hatte. Wenn die Hierarchen wüssten, was auf sie zukommt…

Pause vorbei. „Powerkontern“ ist jetzt angesagt. Der Meister holt ein wenig aus, das Unterbewusstsein, welche Botschaften kommen da an, welche nicht. Sachargumente? Zahlen? Quatsch! Bilder! Die kommen an! Dagegen kann sich der Gegner überhaupt nicht wehren! Und so lautet der auswendig zu lernende Triggersatz: „Das können Sie vergleichen mit…“ Ein Bewerbungsgespräch. Der Personalchef: „Ein gepflegteres Outfit hätte man sich von Ihnen zum Bewerbungsgespräch schon gewünscht.“ Der Stellenaspirant: „Wissen Sie, das können Sie vergleichen mit einer Bohrmaschine, die mit Blattgold belegt ist. Glauben Sie wirklich, die bohrt besser?“

Gleichnis aus dem Internet

Mit der Strategie des bildhaften Vergleiches hat Pöhm übrigens schon einmal die Schweizer Nationalökonomie gerettet. Als es um die Pleite von Swissair ging, wollte die Regierung möglichst viele Schweizer Unternehmen dazu drängen, sich an der Finanzierung einer neuen Airline zu beteiligen. Pöhm erfand ein Bild: Viele Flüsse speisen ein Binnenmeer. Der größte von ihnen droht zu versiegen. Fehlt sein Wasser, fällt der Spiegel des Binnenmeeres, es gibt weniger Regen – auch die anderen Flüsse versiegen. So ist es auch mit Swissair. Wer die neue Airline unterstützt, hilft sich selbst. Das Bild wurde von Regierungsmitgliedern bei TV-Auftritten benutzt – und die Airline wurde finanziert! Eine wahrlich umwerfende Strategie – mit einem winzigen Haken: Selbst der Meister findet nicht immer blitzschnell ein passendes Bild. Auch er muss sich auf Gespräche vorbereiten und für zu erwartende Argumente oder Angriffe Geschichten erfinden. Zum Glück für uns alle bietet seine Firma, die Pöhm Seminarfactory, im Internet einen „Gleichnis-Service“ an.

Zum Schluss des Seminars bekommt jeder Teilnehmer zwei Geschenke: Ein Zertifikat „Nie wieder sprachlos“. Und eine Liste. Darauf 279 Verbalattacken. Von „Du läufst wie auf Eiern“ bis „Ihre Kleidung entspricht nicht der Geschäftsphilosophie“. Zum Üben. Als ich am selben Abend einem Freund die Liste in die Hand drücke mit der Bitte um Beleidigung, schreit er mich an: „Du blökst wie ein Hammel!“ Ich habe sofort den gefürchteten Blackout und denke endlose Sekunden lang krampfhaft nach. Mit großer Mühe würge ich schließlich, Pöhm sei Dank, heraus: „Wie definieren Sie Hammel?“

(c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22

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