Schluss mit der inneren Klarheit – lernen Sie lieber Rhetorik

Wer heute die gängigen Rhetorik-Ratgeber aufschlägt, stösst unweigerlich auf ein Dogma, das so logisch klingt, dass fast jeder ungefragt nickt: „Klarheit nach aussen setzt innere Klarheit voraus.“
Die Propheten dieser Lehre predigen, dass man erst dann gute Reden halten kann, wenn man im stillen Kämmerlein exakt seziert hat, was man selbst denkt, was einem wichtig ist und was man will. Die verordnete Methode zur Erleuchtung: Entschleunigung, Digital Detox, das Smartphone weglegen, Reize ausschalten und dem eigenen Denken so lange Raum geben, bis sich der Nebel lichtet und die reine, destillierte Botschaft zum Vorschein kommt.
Das klingt wunderbar romantisch – nach klösterlicher Ruhe, Kamillentee und intellektueller Reife. Für die Praxis eines Redners ist diese Anweisung jedoch unbrauchbarer Sprühnebel. Damit komme ich genauso weiter, wie wenn mir jemand den Ratschlag gibt: „Um gute Reden zu halten, müssen Sie mehr aufpassen.“
Hier ist die Sezierung eines Ratschlags, der die Realität der Bühne verkennt:
Der Mensch ist nun mal nicht klar
Wer sagt, man müsse einen Gedanken erst im luftleeren, reizfreien Raum perfekt zu Ende denken, bevor man ihn aussprechen darf, kennt unsere menschliche Funktionsweise nicht.
Wir sind Wesen, die bis zu ihrem Lebensende im Grunde nicht wissen, wer sie eigentlich sind, was sie eigentlich wollen und was der Sinn des Ganzen sein soll – täglich geplagt von sich ständig ändernden Gedanken, hin- und hergeworfen zwischen diesen und jenen Prioritäten. Und trotzdem sind diese Menschen erfolgreiche Führungskräfte, CEOs oder Firmeninhaber.
Wer sich im stillen Kämmerlein durch stundenlanges Nachdenken eine vermeintliche „innere Klarheit“ zusammenkonstruiert, sitzt am Ende trotzdem vor einem leeren Blatt:
„Morgen muss ich die Quartalszahlen präsentieren. Ich habe monatelang versucht, den Regenbogen ‚innere Klarheit‘ einzufangen, aber er will sich einfach nicht materialisieren. Ich weiss weder, was das genau sein soll, noch, wie man dahin kommt, und noch weniger weiss ich, wie ich jetzt morgen meine Rede halten soll.“
Und selbst wenn er glaubt, sie gefunden zu haben: Auf der Bühne angekommen, wird dieses theoretische Konstrukt beim ersten Gegenwind – sei es ein kritischer Blick im Publikum oder ein Speaker, der besser ist als ich – pulverisiert.
So sollen Sie die Fata Morgana erreichen
Einer der Ratschläge, wie man angeblich innere Klarheit hinbekommt, lautet:
"Trennen Sie Wichtiges von Unwichtigem, erkennen Sie Prioritäten und werden Sie sich über die eigenen Bedürfnisse klar."
Rhetorische Staubwolken! Bei denen selbst der Wetterdienst um Orientierung bittet.
Dann soll man zusätzlich noch „entschleunigen“, indem man z. B. das Smartphone verbannt.
Das ist alles schlicht unanwendbar und führt auch mit Sicherheit nicht zu dieser Fata Morgana „innere Klarheit“-
Aber das fällt keinem Buchleser auf.
Sie brauchen kein Zen-Kloster, um auf die Bühne zu gehen
Ein Redner, der vor einem wichtigen Pitch oder einem Keynote-Auftritt steht, lebt nicht in einem Zen-Kloster. Da will der Kunde plötzlich ein anderes Modell als vorbestellt, da meldet sich Frau Zwickert unerwartet krank, da sind 30 Aufgaben, die alle gleichzeitig erledigt werden wollen.
Und trotz alledem könnte er, wenn er denn scharf formulierte Rhetorik-Techniken geliefert bekäme, einen hervorragenden Vortrag geben – innere Klarheit braucht es dazu schlicht und einfach nicht.
Rhetoriktrainer, die verlangen, man müsse erst alle äusseren Reize ausschalten, um das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, geben ansonsten meist fast nichts an konkret anwendbaren Rhetorik-Techniken mit, glauben aber, mit dieser Nebelkerze "Innere-Klarheit" würde irgendwie – wie von Geisterhand – eine Rede von der Qualität Martin Luther Kings „I Have a Dream“ entstehen.
Niemandem fällt auf, dass das bisher noch niemand geschafft hat.
Nebel wird mit weiterem Nebel erklärt
Es wird von Rhetoriktrainern behauptet, dass Menschen, die „sich selbst nicht klar sind“, auch unklare Botschaften produzieren würden.
Ach wirklich?
Der Nebel wird nonchalant durch weiteren Nebel "präzisiert": Bevor man etwas klar sagen kann, so lautet die Theorie, müsse man einfach selbst wissen: „Was denke ich eigentlich? Was ist mir wichtig? Und was will ich erreichen?“
„Was denke ich eigentlich?“ Keine Ahnung. Ich bin, wie alle Menschen, geplagt von ständig wechselnden nicht steuerbaren Gedanken.
„Was ist mir wichtig?“ Am Morgen etwas anderes als am Nachmittag. Am Mittwoch was anderes als am Freitag.
„Was will ich erreichen?“ Mal das, mal jenes, aber immer mehr, als ich bisher schon habe!
Und jetzt soll ich es mit dieser Fata Morgana "Innere-Klarheit" schaffen, dass ich angeblich sofort überzeugend argumentieren kann und dann auch noch meine Ziele erreiche?
Vergessen Sie's!
Da wird einem klar, woher die Bezeichnung Rhetorik-Trai-ner kommt: Es kommen einen die Tränen!
Acht Folien statt 36 – ganz ohne innere Klarheit
Ich habe gerade eine Firma aus der Biotechnologie für die Präsentation einer revolutionären neuen Erfindung auf einer Messe in Boston gecoacht. Die Dame, die präsentieren sollte, hatte mir vorher ihre lückenlose 08/15 PowerPoint-Präsentation mit 36 Folien vorgeführt.
Am Ende des Tages blieben acht Folien übrig. Aber komplett umgestaltet!
Mit der Dame haben wir eine Präsentation von fünfzehn Minuten hingezaubert, die am Ende alle acht extra zusammengekommenen Repräsentanten der Firma fasziniert hat. Weder ich noch die Dame, die ich gecoacht habe, brauchten dafür innere Klarheit.
So ein Ergebnis erreichen Sie über Rhetorik-Know-how, konkrete Techniken und das Wissen, wie man Menschen fasziniert. „Innere Klarheit“ wird von denen gefordert, die scheinbar nicht wissen, wie man solche Reden zustande bringt.
Fazit
Sie brauchen, um Erfolg mit Ihrer Rede zu haben, kein theoretisches Wunschgebilde genannt "innere Klarheit", sondern Sie brauchen konkretes rhetorisches Handwerkszeug.
Etwas Persönliches vom Autor
Ich weiss, dass meine Artikel eine höhere Qualität liefern, als der Durchschnitt des rhetorischen Sprühnebels, der da draussen sonst zu lesen ist. Tatsache ist: es gibt nur wenige, die das überhaupt erkennen. Wenn Sie zu diesen wenigen gehören, hier eine Idee: abonnieren Sie meinen Newsletter. Und wenn Sie finden, dass ich damit recht habe: fünf Sterne bei Google sind eine schöne Art, es mir mitzuteilen.
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